Halberstadts verlorene jüdische Vergangenheit und die verdrängte Erinnerung der DDR
Hans-Jürgen PeukertHalberstadts verlorene jüdische Vergangenheit und die verdrängte Erinnerung der DDR
Halberstadts jüdische Geschichte reicht Jahrhundert zurück – doch vieles davon wurde in der NS-Zeit ausgelöscht. Die Stadt, einst ein Zentrum des neo-orthodoxen Judentums, verlor 1938 ihre Synagoge, die in den Novemberpogromen zerstört wurde, und ihre Gemeinde wurde vernichtet. Jahrzehnte später kommt das Erbe dieser Zerstörung – und der problematische Umgang der DDR damit – in neuer Forschung und im öffentlichen Gedächtnis wieder ans Licht.
Der Untergang des jüdischen Lebens in Halberstadt begann am 9. November 1938, als die Synagoge während der NS-Pogrome niedergebrannt wurde. Bis Kriegsende war die Gemeinde ausgelöscht, und das nahegelegene Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge wurde zu einem Ort der Zwangsarbeit. 1949 entstand dort eine Gedenkstätte für die Opfer. Doch bereits 1969 wurde der Ort zu einer Kulisse für politische Kundgebungen umgestaltet – sein ursprünglicher Zweck geriet in den Hintergrund staatlicher Inszenierungen.
Die DDR blieb in der Erinnerung an das jüdische Leid widersprüchlich. Zwar erschienen 1969 Romane der Holocaust-Überlebenden Peter Edel und Jurek Becker, doch die antifaschistische Rhetorik des Staates thematisierte Antisemitismus nur selten direkt. Lin Jaldati, eine niederländische Widerstandskämpferin, die 1952 nach Ost-Berlin zog, nahm dort drei Schallplatten auf – doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand ihre Musik aus den Sendungen.
In den 1970er-Jahren wurden die Stollen des Lagers als Militärdepot der Nationalen Volksarmee zweckentfremdet, was seine düstere Vergangenheit weiter verdrängte. Philipp Grafs jüngstes Buch „Verweigerte Erinnerung“ untersucht diese Widersprüche und hinterfragt gängige Annahmen über Autoritarismus und Antisemitismus in der DDR. Seine Arbeit hat die Debatte darüber neu entfacht, wie Halberstadts Vergangenheit erinnert wurde – und was bewusst vergessen blieb.
Doch selbst heute hallen antisemitische Ressentiments nach. Als das Einkaufszentrum Rathauspassagen 2018 an ein jüdisches Unternehmen verkauft wurde, tauchten Flüsterkampagnen von einem „Verkauf an die Juden“ auf – ein Beleg dafür, wie tief verwurzelte Vorurteile fortbestehen.
Grafs Forschung und die wechselvolle Geschichte der Gedenkstätte zeigen die Lücken in der DDR-Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit. Der Verkauf der Rathauspassagen 2018 bewies, dass antisemitische Klischees nie ganz verschwunden sind. Während Halberstadts Geschichte neu aufgerollt wird, bleibt die Frage: Wie ehrlich wird man sich ihrem Erbe stellen?






