Tobias Kratzers provokantes Debüt an der Hamburger Staatsoper polarisiert und begeistert
Verena KramerTobias Kratzers provokantes Debüt an der Hamburger Staatsoper polarisiert und begeistert
Tobias Kratzer gibt als neuer Intendant der Hamburger Staatsoper ein mutiges Debüt
Mit seiner Inszenierung von Das Paradies und die Peri verbindet Kratzer zeitgenössische Themen mit Schumanns klassischem Oratorium. Die Premiere löste sowohl begeisterten Applaus als auch vereinzelte Buhrufe aus, endete jedoch in stehenden Ovationen.
Kratzer brach von Beginn an die vierte Wand auf: Das Saallicht flackerte wiederholt auf, Kameras schwenkten über das Publikum. An einer Stelle stieg Vera-Lotte Boecker in der Rolle der Peri sogar in den Zuschauerraum hinab und setzte sich neben eine zu Tränen gerührte Besucherin.
Die Produktion deutete Schumanns sterbenden Jüngling als schwarzen Mann um, der sich einem weißen Anführer widersetzte. In den Kriegsszenen traten zeitgenössische Zivilisten auf, die von derselben Figur zu Gewalt aufgestachelt wurden. Ein Höhepunkt gipfelte in einem kollektiven Mord, bei dem Peri's weißes Kleid von Bühnenblut durchtränkt wurde.
Im dritten Akt rückte die Klimakrise in den Mittelpunkt. Kratzer webte explizite Bezüge in die Musik ein und verband Schumanns Werk des 19. Jahrhunderts mit drängenden Gegenwartsthemen. Der Chor verließ die Bühne und interagierte mit Bühnenelementen im Zuschauerraum.
Die Premiere markierte Kratzers ersten Auftritt als Intendant für die Spielzeit 2025/26. Gemeinsam mit Dirigent Omer Meir Wellber setzt er auf experimentellere Programmgestaltung. Geplant sind Abende wie Monster's Paradise sowie eine neu interpretierte Frauenliebe und -leben – beides Eigenproduktionen des Hauses.
Kratzer will die Oper zudem zugänglicher machen und eine stärkere Verbindung zu Hamburgs breiterer Gesellschaft jenseits des traditionellen Opernpublikums schaffen.
Die zunächst gespaltene Reaktion des Publikums schlug bis zum Schlussapplaus in begeisterte Zustimmung um. Kratzers Ansatz – eine Mischung aus gesellschaftskritischem Diskurs und immersiver Inszenierung – weist klar den Weg für seine Amtszeit. Die Produktion ist Teil einer Spielzeit, die frisches, grenzüberschreitendes Musiktheater in den Fokus stellt.






