Vergessene Täter: Lörracher Fotos zeigen Mittäterschaft bei NS-Deportationen
Gabor HethurVergessene Täter: Lörracher Fotos zeigen Mittäterschaft bei NS-Deportationen
Eine neue Ausstellung in Lörrach zeigt erschütternde Fotos aus dem Jahr 1940, die die Deportation der jüdischen Gemeinde der Stadt dokumentieren. Die Aufnahmen zeigen Beamte der Sicherheitspolizei, die jüdischen Männern und Frauen Befehle erteilen, während ortsansässige Zuschauer – später aus den Bildern herausretuschiert – am Rand stehen. Diese Fotografien sind Teil eines umfassenderen Projekts, das vergessene Geschichten der Verfolgung in ganz Deutschland aufdeckt.
Die Initiative Letzte Spuren von Alina Bothe hat ähnliche Aufnahmen aus 70 deutschen Städten gesammelt. Viele der jüdischen Opfer konnten identifiziert werden, doch Täter oder Zuschauer bleiben fast durchgehend unbekannt. Das Fehlen dieser Personen in den Archiven wirft Fragen auf: Wie hat die Nachkriegsgesellschaft in Deutschland an ihre Vergangenheit erinnert – und was hat sie verdrängt?
Die Fotos aus Lörrach wurden nach 1945 bearbeitet, die Gesichter der Anwohner, die den Deportationen beiwohnten, wurden entfernt. Diese gezielte Auslöschung deutet auf ein größeres Muster hin: Die deutsche Gesellschaft mied lange die Auseinandersetzung mit der Mittäterschaft einfacher Bürger. Bothe will diese Tendenz umkehren, indem sie "den Prozess der Vernichtung von Anfang an" wieder ins öffentliche Bewusstsein rückt. Ihre Arbeit rekonstruiert, wie die Verfolgung bereits in den Gemeinden begann – lange vor den Massenportationen in die Lager.
Unterdessen beleuchtete eine kürzliche Konferenz der Organisation Amcha das Schicksal von Holocaust-Überlebenden nach ihrer Befreiung. Der Medizinhistoriker Christian Pross schildert, wie viele von ihnen demütigende Untersuchungen ihrer körperlichen und seelischen Verletzungen über sich ergehen lassen mussten – teilweise durchgeführt von ehemaligen Nationalsozialisten. Diese Begutachtungen verharmlosten ihr Trauma oft, statt es zu behandeln. Die Claims Conference schätzt, dass weltweit noch etwa 200.000 Überlebende leben, ihr Durchschnittsalter liegt bei 87 Jahren.
Für viele bot die Gründung Israels ein dauerhaftes Gefühl von Sicherheit. Doch die Fotos aus Lörrach und anderen Städten mahnen, was unwiederbringlich verloren ging. Bothe hat in akribischer Kleinarbeit Opfer auf den Bildern identifiziert – die Täter und Zuschauer aber bleiben largely namenlos. Die beschnittenen Ränder der Aufnahmen symbolisieren ein Schweigen, das Jahrzehnte anhielt.
Die Ausstellung fordert die Betrachter auf, sich nicht nur mit den Verbrechen der Vergangenheit auseinanderzusetzen, sondern auch mit den Mechanismen ihrer späteren Verharmlosung. Indem Bothe die Fotos in ihrem ursprünglichen Zustand rekonstruiert, zwingt sie zu einer Abrechnung mit der Rolle der "ganz normalen" Deutschen im Holocaust. Ihr Projekt gibt keine Antworten vor – es liefert Beweise: von zerrissenen Leben, von mitschuldigen Gemeinden und von Geschichten, die noch auf ihre Erzählung warten.
Letzte Spuren wächst stetig, immer mehr Aufnahmen aus weiteren Städten kommen ans Licht. Diese Bilder belegen, was sich in Nachbarschaften überall in Deutschland abspielte, wo die Verfolgung lange vor den Lagern begann. Die Lörracher Ausstellung zeigt mehr als historische Dokumente – sie legt die Lücken im kollektiven Gedächtnis offen.
Während die Zahl der lebenden Zeitzeugen schwindet, sorgen Initiativen wie die von Bothe dafür, dass die Details ihres Leidens – und die Identitäten derer, die es ermöglichten – nicht erneut in Vergessenheit geraten. Die beschnittenen Ränder der Fotografien mögen eines Tages restauriert werden, doch die Fragen, die sie aufwerfen, werden bleiben.






