"Die Ermittlung" im Stuttgarter Landtag: Wie Zeugenaussagen die Schrecken von Auschwitz lebendig halten
Ludger Rörricht"Die Ermittlung" im Stuttgarter Landtag: Wie Zeugenaussagen die Schrecken von Auschwitz lebendig halten
Sechzig Jahre nach seiner Uraufführung wurde Peter Weiss' Dokumentarstück "Die Ermittlung" im Stuttgarter Landtag auf die Bühne gebracht. Die Inszenierung greift die Schrecken der Auschwitz-Prozesse anhand von Zeugenaussagen und Gerichtsakten auf und will das Gedenken an diese Verbrechen in öffentlichen Institutionen und im Alltag wachhalten.
Das Stück basiert direkt auf den Frankfurter Auschwitz-Prozessen, die zwischen 1963 und 1965 stattfanden. Es rekonstruiert die Berichte von Überlebenden wie Filip Müller, Henryk Mandelbaum und Hermann Langbein sowie von jüdischen Häftlingen und Mitgliedern der Sonderkommandos. Über 40 der 300 im Skript verarbeiteten Zeugenaussagen stammen von Menschen, die die Grausamkeiten des Lagers erlitten.
Die Produktion legt eine erschütternde Tiefe der Grausamkeit offen: Szenen schildern, wie ein Kind gegen eine Wand geschleudert oder schwangeren Frauen eine zementartige Substanz injiziert wird. Ein weiterer Abschnitt verweist auf Wilhelm Friedrich Bogers "Sprechmaschine", ein Foltergerät, mit dem Opfer zu Tode geprügelt wurden. Auch ambivalente Figuren wie Ärzte, die zu Selektionen gezwungen wurden, kommen zur Sprache und fügen der moralischen Komplexität weitere Facetten hinzu.
In einer zurückhaltenden, antitheatrischen Inszenierung steht nicht das dramatische Spektakel, sondern das gesprochene Zeugnis im Mittelpunkt. Das Publikum erlebt Verhöre und Verhandlungssequenzen, die den ursprünglichen Gerichtsprozess widerspiegeln. Weitere Aufführungen finden in den kommenden Tagen am Landgericht Stuttgart statt.
Indem "Die Ermittlung" in staatliche Institutionen getragen wird, unterstreicht die Produktion die Notwendigkeit aktiver Erinnerung. Durch die Verknüpfung historischer Akten und Überlebendenberichte bleibt das Ausmaß der Verbrechen sichtbar. Die fortlaufenden Vorstellungen bieten weitere Gelegenheiten, sich mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen.