01 February 2026, 19:13

Kretschmanns Abschied markiert das Ende einer Ära für Baden-Württemberg

Ein detailliertes altes Kartenbild von der Schweiz und Deutschland, das geographische Elemente wie Flüsse, Berge und Städte zeigt, mit Text in einer klassischen Schriftart.

Kretschmanns Abschied markiert das Ende einer Ära für Baden-Württemberg

Winfried Kretschmann, der langjährige grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hat bekannt gegeben, dass er bei der Landtagswahl am 8. März nicht mehr antreten wird. Mit seinem Rückzug endet eine 13-jährige Amtszeit, die 2011 begann, als er nach der Fukushima-Katastrophe und den Protesten gegen Stuttgart 21 als erster grüner Regierungschef eines deutschen Bundeslandes die politische Landschaft prägte. Kretschmann, bekannt für seinen pragmatischen Kurs, verlässt sein Amt zu einer Zeit, in der die einst so erfolgreiche Wirtschaftsregion mit wachsendem Druck durch Stellenabbau und industrielle Krisen kämpft.

Kretschmanns politische Laufbahn begann 1980, als er die Grünen in Baden-Württemberg mitgründete. Der selbsternannte 'harte Realist' verband ökologische Politik mit konservativer Pragmatik und gewann so die Gunst der Wähler in einem Land, das vom Automobilbau und Maschinenbau dominiert wird. Seine Kompromissbereitschaft in Fragen wie dem Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor sicherte ihm über Jahre hinweg Unterstützung in einer Region, die von der Industrie geprägt ist.

Unter seiner Führung erlebte Baden-Württemberg tiefgreifende Veränderungen, die Großprojekte wie Stuttgart 21 deutlich schwerer durchsetzbar machten. Wiederholt kritisierte er die übermäßige Regulierung in Deutschland und stellte ihr das effiziente Schweizer Bahnsystem und die gut erhaltene Infrastruktur gegenüber. Seine Bewunderung für das Nachbarland geht jedoch über den Verkehrssektor hinaus: Er schätzt die engen Verbindungen zu Deutschland, von 60.000 Grenzpendlern bis hin zum intensiven wirtschaftlichen und kulturellen Austausch.

Erst kürzlich erhielt Kretschmann den Bericht des Normenkontrollrats für 2025, der weniger Bürokratie durch vereinfachte Gesetze, mehr Spielraum für Kommunen und die Bundeswehr sowie eine Reform der Finanzierung durch Digitalisierung fordert. Zudem schlägt der Bericht vor, kleinere Förderprogramme abzuschaffen, um die Belastung für die Wirtschaft zu verringern. Trotz dieser Empfehlungen wurden jedoch bisher keine konkreten Maßnahmen eingeleitet, um die aktuellen wirtschaftlichen Herausforderungen zu bewältigen – etwa die halbierten Gewinne und Stellenstreichungen bei Bosch.

Seit Langem betont Kretschmann die Notwendigkeit einer 'Politik des Zuhörens' und argumentiert, dass gesellschaftlicher Konsens der Schlüssel zu wirksamer Regierungsführung sei. In seinen letzten Amtsmonaten warnte er vor wachsenden Bedrohungen für die Demokratie und bestand darauf, dass ein handlungsfähiger, starker Staat der beste Schutz gegen ihre Feinde sei.

Mit Kretschmanns Abgang steht Baden-Württemberg an einem Scheideweg. Die einst blühende Industrieregion ringt mit Arbeitsplatzverlusten und sinkenden Gewinnen in der Auto- und Maschinenbaubranche. Sein Nachfolger wird nicht nur sein pragmatisches Erbe antreten, sondern auch die Aufgabe meistern müssen, die wirtschaftlichen Spannungen zu lindern – ohne dabei den Ruf der Region als Innovations- und Stabilitätsmotor zu gefährden.