21 January 2026, 23:21

Wie die evangelische Kirche 1945 ihre NS-Vergangenheit eingestand

Ein altes Dokument mit einer Zeichnung der St. Erasmus Kirche umgeben von Bäumen und Himmel, unterzeichnet von der deutschen Regierung.

Wie die evangelische Kirche 1945 ihre NS-Vergangenheit eingestand

Am 19. Oktober 1945 veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) die Stuttgarter Schulderklärung. In dieser öffentlichen Stellungnahme bekannte sich die Kirche zu ihrer Mitverantwortung für das "unermessliche Leid", das während des Zweiten Weltkriegs verursacht worden war. Der Schritt erfolgte im Zuge des Bemühens der EKD, dem Ökumenischen Rat der Kirchen beizutreten – eine Mitgliedschaft, die eine Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit voraussetzte.

Noch vor dem Krieg hatte sich die evangelische Kirche eng an die nationalsozialistische Ideologie angebunden. Bereits 1933 besetzten mehrheitlich NS-Anhänger führende Positionen innerhalb der Kirche. Im selben Jahr führte sie den sogenannten Arierparagrafen ein, der Juden und Menschen jüdischer Abstammung vom kirchlichen Dienst ausschloss. Als Reaktion darauf gründete sich im September 1933 die Bekennende Kirche als oppositionelle Bewegung innerhalb des Protestantismus, die sich gegen den nationalsozialistischen Einfluss stellte.

Die Erklärung von 1945 wurde über Zeitungen und Rundfunksendungen breit gestreut. Im Ausland stieß sie auf Anerkennung und Zustimmung für ihre Offenheit. In Deutschland selbst jedoch gab es scharfe Kritik: Viele warfen der Kirche vor, nicht weit genug zu gehen. Die Stellungnahme nannte den Holocaust nicht explizit – ein Versäumnis, das die Vorwürfe nährte, die Kirche entziehe sich weiterhin einer umfassenden Aufarbeitung ihrer Verstrickung. Anders als die EKD veröffentlichte die römisch-katholische Kirche in Deutschland niemals eine vergleichbare Erklärung, in der sie ihre Rolle während der NS-Zeit thematisierte oder den Holocaust verurteilte. Trotz der Kontroversen markierte die Stuttgarter Schulderklärung den Beginn eines bis heute andauernden Prozesses innerhalb der evangelischen Kirche, sich mit ihrem Erbe aus der NS-Zeit auseinanderzusetzen.

Die Erklärung bleibt ein Schlüsseldokument in der Geschichte der EKD. Sie löste Jahrzehnte der Debatte und Reflexion über die Verstrickung der Kirche in das NS-Regime aus. Noch heute werden innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland Fragen nach Verantwortung und historischer Aufarbeitung diskutiert.